Ausschreibung   Preisträger   Startseite
Hermann Emminghaus

Hermann Emminghaus wurde am 20.Mai 1845 in Weimar geboren. Er besuchte dort das Gymnasium, studierte in Göttingen und anschließend in Jena. Von 1868-69 arbeitete Emminghaus in der Großweimarer Landesirren-, Heil- und Pflegeanstalt , die damals schon auf eine 200jährige Tradition zurückblicken konnte. Dort promovierte er 1869 mit der Arbeit "Ueber hysterisches Irresein". 1870 kam er zu Gerhardt, dem Direktor der Medizinischen Klinik in Jena; einem Schüler Rineckers, später Direktor der Medizinischen Klinik in der Berliner Charité und Herausgeber des ersten deutschsprachigen "Handbuches für Kinderkrankheiten", in dem Emminghaus die "Psychischen Störungen des Kindesalters" abhandelte.

1874 erhielt Emminghaus die venia docendi der Universität Würzburg. In seiner Personalakte heißt es dazu, dass er "in ganz freier Rede" und in "folgerichtigem Gedankengang nahezu eine Stunde lang" gesprochen und dabei eine "lobenswerte Schlagfertigkeit und Gewandtheit" bewiesen habe. In Würzburg blieb Emminghaus bis 1880, zunächst als Assistenz- später als stellvertretender Oberarzt von Rinecker. Rinecker war von "einer selbst für die damalige Zeit erstaunlichen Vielseitigkeit". Er übernahm 1863 die Psychiatrische Klinik und wurde im gleichen Jahr zum ersten Lehrstuhlinhaber für Kinderheilkunde in Deutschland berufen. Er würde damit postum die Voraussetzungen für eine Anerkennung als Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie erfüllt haben. Neben Emminghaus und Gerhardt war auch der damals 21 Jahre alte Emil Kraepelin Schüler von Rinecker.

1880 erhielt Emminghaus den Ruf auf den ersten Lehrstuhl für Psychiatrie in Dorpat. Die Universität in Dorpat, heute Tartu, war 1632 als "Academia Gustaviana Carolina" gegründet worden; sie wurde nach der russischen Invasion 1710 in eine deutschsprachige Universität umgewandelt. 1895 gab es in Russland nur drei Universitätskliniken für Geisteskranke: in Petersburg, Moskau und in Dorpat. Emminghaus arbeitete in Dorpat eng mit dem später berühmten und heute noch häufig zitierten Pharmakologen Kobert zusammen, mit dem er gemeinsam mit seinem Mitarbeiter Sohrt eine der ersten klinischen Arzneimittelprüfungen der Welt durchführte (Saarma und Karu,1981). Es handelte sich um eine dem Scopolamin ähnliche Substanz, Hyoscin, das ein ähnliches Wirkungsspektrum hatte, aber wegen seiner unerwünschten Nebenwirkungen bald darauf umstritten war. Die Zusammenarbeit von Pharmakologie und Psychiatrie wurde unter Emil Kraepelin fortgesetzt; Kobert verwandte erstmalig den Begriff "Pharmakotherapie" als Buchtitel.

1886 wurde an der Freiburger Universität ein Lehrstuhl für Psychiatrie eingerichtet. Als besonders geeignete Kandidaten wurde bei Krafft-Ebing (Graz), Emminghaus (Dorpat), Forel (Zürich), Wille (Basel) und Binswanger (Jena) angefragt. Nachdem Krafft-Ebing ablehnte, kam Emminghaus, wie er schrieb, "mit Freuden nach Freiburg". Er führte sogleich auch dort das "No-restraint-System" und ein neues Behandlungsschema ein, mit dem er in Widerspruch zu anderen Kapazitäten und Kliniken in Baden-Württemberg geriet. In Dorpat hinterließ Emminghaus "eine Klinik, die aufs Beste eingerichtet war" (Ciz, 1903). Sein Nachfolger wurde Emil Kraepelin, dessen Qualifikation Emminghaus in seinem Gutachten schilderte: "Unter den jungen Psychiatern errang er sich mit hervorragenden Forschungsarbeiten und selbstständigen Erfahrungen den ersten Platz in der Psychiatrie".

Hermann Emminghaus starb am 17. Februar 1904 in Freiburg. Pfister charakterisierte in seinem Nachruf Emminghaus als "eine vielseitig angelegte und mehr als in einer Beziehung hoch begabte Natur. Mit einem phänomenalen Gedächtnis ausgerüstet, bewältigte er spielend, was andere nur mühsam oder gar nicht vollbringen können. Noch bis gegen Ende der neunziger Jahre vermochte er dafür nicht nur sich in allen medizinischen und naturwissenschaftlichen Disziplinen stets auf dem Laufenden zu halten, sondern auch die ganze Literatur des Spezialfaches bis ins Einzelne zu verfolgen. Und was er einmal gelesen hatte, kannte er nicht nur, sondern hatte es auch dauernd so parat, dass er es jederzeit zur Diskussion herbeiziehen konnte. Dieses reiche Wissen machte ihn zu einem äußerst anregenden Gesellschafter und interessanten Lehrer. Denn die Gründlichkeit seiner Durchbildung kam insbesondere in seinen ungemein reichhaltigen Vorlesungen zum Ausdruck".


Gerhardt Nissen

 
Hermann-Emminghaus-Preis